Altern mit (Ge-)Biss!

Herr und Frau Österreicher werden immer älter. Die Zunahme der Lebenserwartung aber auch der Erwartung ans Leben stellen die Zahnheilkunde vor neue Herausforderungen. Implantaten und Prothesen steht die möglichst lange Erhaltung der eigenen Zähne gegenüber. Dafür müssen insbesondere in der Prophylaxe erst wirksame Konzepte bzw. Strukturen entwickelt werden, fordern Zahnmediziner. Vorreiter auf diesem Gebiet ist die Schweiz. Hierzulande eröffnet sich der Prophylaxe eine neue Zielgruppe: ältere Menschen mit (Ge-)Biss!
Martin Duschek
In 20 Jahren wird Österreich neun Millionen Einwohner zählen, jede(r) Neunte davon wird über 75 Jahre alt sein“, so titelte das Pressebüro der Statistik Austria im Oktober 2009. Österreichs Bevölkerung werde weiter stark wachsen – aber auf Grund der Zuwanderung, denn die Geburten sind rückläufig – im Jahr 2009 um 1,7 Prozent. So verschiebt sich die Alterstruktur deutlich hin zu älteren Menschen. Stehen derzeit 23 Prozent der Bevölkerung im Alter von 60 und mehr Jahren, so werden es ab 2030 schon mehr als 30 Prozent sein. Die Absolutzahl der über 75-jährigen Menschen steigt bis 2030 von derzeit 662.000 auf über 1 Million. Die dazu gehörende Grafik heißt zwar immer noch Alters-„Pyramide“, gleicht in ihrer Form jedoch längst einer Alters-„Urne“.
Die Österreicher werden älter. Doch was bedeutet „alt“? Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, definiert Altersklassen: Demnach leben 20-49-Jährige in der „Periode des biologischen Gleichgewichtes“. Von 50-59 Jahre lebt es sich als „alternder Mensch“, 60-64-Jährige gelten als „ältere Menschen“. 65-74 Jahre bezeichnet die WHO als „wesentlichen Einschnitt in der Regressionsphase“. 75-89-Jährige gelten als „alte Menschen“, 90-99-Jährige als „sehr alte Menschen“ und 100-115-Jährige sind „Langlebige“. Wenn wir selbst andere Personen als „ältere Menschen“ bezeichnen, so trennen uns zumindest 15 Lebensjahre, stellte eine psychologische Studie fest.

Die WHO klassifiziert nicht nur, sie gibt auch Empfehlungen für den Gesundheitsstatus der Bevölkerung ab, im Speziellen für die Mundgesundheit. Zu deren Kontrolle wurde 1996/97 im Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen, ÖBIG, die Koordinationsstelle Zahnstatus eingerichtet. Sie überprüft, inwieweit die Ziele der WHO in Bezug auf die Zahngesundheit der Bevölkerung in Österreich erreicht werden. Dazu werden jährlich österreichweit Zahnstatuserhebungen nach WHO-Methodik in den Altersgruppen 6, 12, 18, 35-44 sowie 65-74 durchgeführt. Die Ergebnisse der ÖBIG-Untersuchungen in den Altersgruppen der 35- bis 44-Jährigen sowie der 65- bis 74-Jährigen zeigen, dass bei den Erwachsenen mittelfristig mit einem unveränderten altersabhängigen Anwachsen des Zahnverlustes gerechnet werden muss. Diese Situation präsentiert sich auch in allen anderen europäischen Industrieländern. Eine grundlegende Verbesserung der Mundgesundheit könne sich erst beim Heranwachsen jener jungen Generation ergeben, die bereits vom Babyalter an oralpräventive Erziehung erhalten hat.


Zahnstatus der 65- bis 74-Jährigen
Dem 2001 veröffentlichten Bericht des ÖBIG über den Zahnstatus der 65- bis 74-Jährigen zufolge hatten 20 Prozent dieser Altersgruppe keine eigenen Zähne mehr. Im Durchschnitt waren sie seit 15 Jahren zahnlos. Von den nicht völlig Zahnlosen war der überwiegende Anteil mit einem abnehmbaren Zahnersatz versorgt. Knapp 90 Prozent erklärten sich mit der prothetischen Versorgung sehr zufrieden bzw. zufrieden. Im Rahmen der klinischen Untersuchung wurde jedoch bei 37 Prozent ein Reparaturbedarf im Ober- und bei 40 Prozent ein Reparaturbedarf im Unterkiefer festgestellt. Knapp 14 Prozent hatten einen Teilversorgungsbedarf im Ober-, 23 Prozent im Unterkiefer.
 
In der untersuchten Gruppe wiesen knapp fünf Prozent ein völlig gesundes Parodont auf. Bei 20 Prozent wurden tiefe Taschen und bei einem Viertel seichte Taschen gemessen. Zusätzlich wurde die Mundschleimhaut untersucht. Beim überwiegenden Anteil wurde der Zustand dieser als gesund bewertet. Ein knappes Drittel der Untersuchten wies jedoch zumindest eine Diagnose auf. In der Mehrzahl handelte es sich um unspezifische Stomatitis und Druckstellen infolge schlecht sitzender Prothese. Das Ergebnis der Untersuchung weist insgesamt auf eine erhöhte Notwendigkeit von zahnmedizinischen Maßnahmen mit zunehmenden Alter hin.





Leider werden höhere Altersgruppen und vor allem Senioren in Pflegeeinrichtungen von diesen international standardisierten Studien nicht erfasst. Es gibt jedoch einzelne Untersuchungen z. B. in der Steiermark und in Bayern, die im Großen und Ganzen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. So erkennt Univ.-Prof. Dr. Gerwin Arnetzl von der Univ.-Klinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Graz einen dringenden Handlungsbedarf bei institutionalisierten, älteren Pflegebedürftigen. Im Rahmen des Projekts „mobile-zahngesundheit“ der Univ.-Klinik für ZMK Graz und dem Land Steiermark waren 409 Personen in Senioreneinrichtungen untersucht worden. Nahezu 30 Prozent der Untersuchten mit Restzahnbestand hatten akute Zahnschmerzen innerhalb des letzten Jahres. Bei 47,7 Prozent bestand ein chirurgischer Handlungsbedarf. 84 Prozent wiesen akut entzündliche Prozesse am Parodont auf. Die durchschnittliche Mundhygiene wurde auf Basis des Oralen-Hygiene-Index auf einer Skala von 0 bis 4 mit 2,43 beurteilt. Der Mundgesundheit werde weder von Seiten der Patienten selbst, noch von Seiten des Pflegepersonals die notwendige Bedeutung beigemessen, so Prof. Arnetzl (Zahn Krone 2/2008, S. 26 ff).


Prim. DDr. Elmar Favero: „Leider fehlt es für unsere älteren
Mitmenschen noch an entsprechenden Vorsorgekonzepten.“

Bedeutung gesunder Zähne im Alter 
Mit Erhalt der Zähne und einer gesunden Mundhöhle bleiben für den alternden Menschen Kaufunktion und damit die Basis für eine gesunde Ernährung erhalten. Lebensqualität, Ästhetik und Menschenwürde gehen damit einher. Primarius DDr. Elmar Favero, Chefarzt und ärztlicher Leiter der ZMK-Ambulatorien der Tiroler Gebietskrankenkasse sieht eine große Chance in der Zahnprophylaxe: „Menschen mit 60 Jahren sind heute in einer ganz anderen Situation. Den Senioren bietet sich ein überaus vielfältiges Programm zu einer aktiven Lebensgestaltung. Daher sind diese Menschen heute für Prophylaxe wesentlich zugänglicher als vor 20 Jahren.“

Mit zunehmendem Alter kommt es zu massiven Veränderungen in der Mundhöhle. Die Schleimhäute werden empfindlicher, Parodontalerkrankungen nehmen zu. Die Behandlungskonzepte müssen deshalb angepasst werden und vor allem die individuellen Möglichkeiten des Patienten seien jetzt und in der Zukunft zu berücksichtigen, so Prim. Favero. Das Thema professionelle Mundhygiene in der Zahnarztpraxis werde an Bedeutung immer mehr gewinnen. „Wir müssen uns die Frage stellen, wer pflegt die Zähne oder die Implantate, wenn der Patient selber nicht mehr ausreichend dazu in der Lage ist?“

Mit dem Alter kommen Funktionsbeschränkungen, die Mundgesundheitsprobleme hervorrufen können. Dazu zählen eine Einschränkung des Bewegungsvermögens und vor allem ein Nachlassen der Feinmotorik, die verminderte Mobilität im Allgemeinen, Verlust der Sinne wie Einschränkung der Hör- und Sehfähigkeit, Nachlassen von Geschmacks-, Tast- und Geruchssinn und schließlich eine Verminderung der kognitiven Fähigkeiten.

Außerdem leiden alte Patienten zunehmend an Multimorbidität: Krankheiten wie Altersdiabetes, Herz-Kreislauf- und Schlaganfallerkrankungen oder Demenz führen häufig zu Gesundheitsproblemen in der Mundhöhle.

„Für Kinder und Jugendliche ist in den letzten Jahrzehnten viel Positives geschaffen worden“, so Prim. Favero, „die Zahnprophylaxe-Maßnahmen vom Kindergarten bis zum Ende der Schulpflicht haben ein breites Bewusstsein geschaffen und Karies weitgehend zurückgedrängt. Leider fehlt es für unsere älteren Mitmenschen an jedem Vorsorgekonzept und Parodontitis – die nicht nur durch Bakterien ausgelöste Entzündung und Zerstörung des Zahnhalteapparates – wurde die häufigste Ursache für Zahnverlust.“

Ein Beispiel, wie es anders gehen könnte, zeigt die Schweiz: In praktisch jeder Gemeinde sind Alterszahnpflegehelfer(innen) für ältere und gebrechliche Mitbürger tätig. Diese werden über ein Stiftungskonzept speziell ausgebildet und unterstützen ihr Klientel bei der Mundhygiene, ähnlich wie die Zahngesundheitserzieher für Kinder, die von Tirol ausgehend in ganz Österreich zu einem anerkannten Berufsbild geworden sind. Auch in München existiert ein Vorzeigeprojekt für Zahnprophylaxe im Alter: Auf Initiative von Prof. Dr. Christoph Benz werden Pflegeheime von einem mobilen Team aus Zahnarzt und Assistenten besucht. Dabei liegt der Schwerpunkt nicht nur in der prophylaktischen Mundhygiene für die Altersheim-insassen, sondern auch in der Motivation und Schulung der Pflegekräfte.



Zukunftspotential für Zahnarztpraxis und Prophylaxeassistenten
In der Gerostomatologie liegt jedenfalls nicht nur ein breites Verantwortungsgebiet, sondern auch eine wirtschaftliche Zukunftsperspektive. Arztpraxen, die sich auf die Behandlung älterer Patienten konzentrieren, setzen auf die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe. Da in der Behandlung Beratung und Mundhygiene eine große Rolle spielen, werden auch die Prophylaxeassistenten gefordert sein. Vielleicht entsteht auch bald ein System mit Hausbesuchen zur Mundhygiene oder fliegenden Prophylaxeteams für Pflegeeinrichtungen: Denn mit der Gesundheit im Mund stehen und fallen Gesundheit des ganzen Organismus und damit die Lebensqualität.



Literatur beim Verfasser