„Herr Huber, Sie müssen die Prothese schon öfter putzen!“
„Was haben Sie gesagt? Ja, ja, die Prothese, die passt jetzt gut...“
„Schauen Sie, Frau Frech, ich zeig Ihnen mit dem Spiegel, wo etwas ausgebrochen ist.“ „Wartn´s, da muss ich erst meine Brille aus der Handtasche holen.....“
Petra Eibl-Schober
Mit zunehmendem Alter werden unsere Sinne schwächer – die Augen verlieren an Sehkraft, die Ohren scheinen nicht mehr für alle Informationen geöffnet zu sein, auch Fühlen und Spüren verändert sich häufig. Was wir an unseren Lieben im privaten Umfeld als, für uns selbst oft schmerzhafte, Veränderung im Alter wahrnehmen, kann im beruflichen Umfeld Herausforderungen und Probleme aufwerfen.
Unsere Sinne sind die Basis für unsere Kommunikation. Mit ihnen nehmen wir Informationen wahr, verarbeiten diese und reagieren, indem wir Informationen aussenden.
Das Schwächerwerden der Sinne mit fortschreitendem Alter erschwert die Kommunikation mit der Außenwelt. Aber nicht nur die Sinne können schwächer werden, auch das Verarbeiten der wahrgenommenen Informationen dauert mitunter länger als in jüngeren Jahren.
Dass Gesagtes anders oder nur teilweise gehört wird, muss nicht immer unmittelbar bemerkt werden, wird vielmehr erst in weiterer Folge durch Missverständnisse oder widersprüchliche Handlungen deutlich.
Alternde Menschen haben aber nicht nur mit der eigenen abnehmenden Wahrnehmungsfähigkeit zu kämpfen, sondern auch mit den Haltungen und Reaktionen, die ihnen entgegengebracht werden. So werden Veränderungen im kommunikativen Verhalten mit Kompetenzverlust gleichgesetzt und dem alternden Menschen wird nicht mehr „auf gleicher Augenhöhe“ begegnet.
Kwong See/Ryan haben dies im Rahmen ihrer Forschungen zu Sprache und Kommunikation im Alter sehr anschaulich dargestellt. Das Modell (siehe oben) zeigt auf, wie Erfahrungen und Haltungen das Miteinander beeinflussen können. Der jüngere Mensch nimmt verstärkt altersbezogene Merkmale wahr und verknüpft diese unbewusst mit seinen stereotypen Erwartungen, Vorurteilen – zB. man sieht Patienten am Stock die Ordination betreten und assoziiert generell verlangsamte Bewegungen.
Ebenso unbewusst stellt der jüngere Mensch sein Verhalten darauf ein - setzt eigene Handlungen langsamer, führt sie eventuell deutlicher aus, vielleicht mit einer gewissen Ungeduld. Der ältere Mensch wird nun seinerseits unbewusst entsprechend reagieren und somit die Erwartungen und stereotypen Erfahrungen des jüngeren bestätigen.
Besondere sprachliche Merkmale lassen dies deutlich werden: Vokabular und Satzkonstruktionen werden vereinfacht, es werden kindliche Begriffe und Verkleinerungen verwendet, die Anrede erfolgt manchmal übertrieben familiär oder in der dritten Person.
Die Stimmlage wird dabei hoch mit deutlicher Betonung und erhöhter Lautstärke.
Nonverbale Merkmale können sein: sich wegdrehen, Augenrollen und Grinsen, Hände in die Hüften stemmen, verschränkte Arme.

Quelle: Ryan/Kwong, 2003
In der Praxis kann das dann so aussehen und klingen:Assistentin steht mit in die Hüften gestemmten Händen in der Tür und empfängt den Patienten:
„Ja schön, da ist er ja, der Herr Huber. Wie geht´s uns denn heute? Was macht denn das Zahnderl, tut´s recht weh? Haben wir die Prothese brav geputzt?“
Was sich jetzt vielleicht wie der Ausschnitt aus einem Kabarettprogramm liest, repräsentiert durchaus den Alltag der Kommunikation mit alternden Patienten.
Kommunikative Missgeschicke passieren mit alternden Patienten noch häufiger:
- es werden Fragen gestellt, die Antworten nicht wirklich beachtet
- generell weniger Fragen werden gestellt
- Ausführungen wird wenig Aufmerksamkeit geschenkt
- Erklärungen so vereinfacht, dass die Aussagekraft verloren geht
- Verständnisüberprüfung wird vernachlässigt
Dieses spezielle Verhalten des jüngeren Kommunikationspartners stellt aber auch einen Schutzmechanismus dar – Erfahrungswerte lassen dies leicht erklären:
Viele alternde Patienten suchen beim Besuch einer Zahnarztpraxis nicht nur Schmerzfreiheit und Zahnbehandlung, sondern vielmehr Sozialkontakte, Anerkennung, Selbstbestätigung und vieles mehr. Hier geht es nicht um sachliche Inhalte sondern vielmehr um Beziehungsstrukturen. Da besteht das Bedürfnis zu plaudern, Informationen zu bekommen, sich mitzuteilen – ein durchaus menschliches, aber für den Praxisbetrieb manchmal sehr zeitraubendes Verhalten.
Der Grat zwischen aufmerksamer Zuwendung und für den Betrieb sinnvoller Ab- und Eingrenzung von zeitlichen Ressourcen kann da sehr schmal werden.
Fühlt man sich als AssistentIn/Arzt/Ärztin erst einmal „in den Fängen“ eines nach Aufmerksamkeit suchenden alternden Patienten, so kann das eigene Verhalten in späterer Folge präventiv abwehrend werden.
Während sich manche alternde Patienten gerne „bemuttern“ und damit manchmal nahezu entmündigen lassen, übernehmen andere gerne die „Elternrolle“, bevormunden, lassen sich schwer etwas sagen, sprechen dadurch ihren Gesprächspartnern unbewusst Kompetenz ab.
Jedes kommunikative Verhalten stellt ein Wechselspiel dar, das von jedem beteiligten Kommunikationspartner bejaht oder unterbrochen, verändert werden kann.
Von entscheidender Wichtigkeit ist es, dem alternden Patienten als kompetentem Ansprechpartner - und zwar kompetent hinsichtlich seiner eigenen Person und eigenen Bedürfnissen - auf gleicher Ebene zu begegnen. D. h. alternde Patienten weder zu verkindlichen und somit herabzuwürdigen, noch sie auf ein „Alterspodest“ zu stellen, sondern sie als gleichwertige Personen anzuerkennen, ihre besonderen Bedürfnisse wahrzunehmen, ohne diese zwingend erfüllen zu wollen.
Auch inhaltlich werden OrdinationsmitarbeiterInnen in der Begegnung mit älteren Patienten immer wieder vor Herausforderungen gestellt – z.B. durch die häufig auftretende Argumentation, dass sich Behandlungen, Investitionen doch gar nicht mehr auszahlen – „für die paar Jahre“.
Die zeitliche Investition, diese Bedenken zu diskutieren, macht sich allerdings häufig bezahlt. Immer mehr alternde Menschen sind durchaus bereit, noch in ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu investieren. Manchmal gilt es lediglich den Nutzen deutlich zu machen und die Menschen bei ihren Bedürfnissen abzuholen.
Klarheit und Deutlichkeit ist im Gespräch mit alternden Patienten ebenso wichtig wie mit allen anderen Personen auch. Inhalte können einfach und verständlich vermittelt werden, ohne in die Baby-Sprache zu verfallen oder fragmentarisch zu sprechen. Rückkoppeln durch gezielte Fragestellungen zur Verständnisüberprüfung ist unerlässlich für Behandlungserfolge und Compliance. Laufen alternde Gesprächspartner Gefahr, von Themen abzuschweifen, so ist es wichtig, auf dieses Verhalten hinzuweisen und das Gespräch wieder zu konkretisieren. Bestimmtheit und Klarheit ist nicht gleichbedeutend mit Unhöflichkeit.
Entscheidender Faktor jedes kommunikativen Prozesses ist die innere Haltung. Ist diese wertschätzend und den Gesprächspartner achtend, so kann nahezu jede Botschaft höflich und annehmbar ankommen.
Petra Eibl-SchoberAkademische Kommunikationstrainerin mit Spezialisierung im
Gesundheitsbereich, Master of Science of Training and Development,
dipl. systemischer Coach Dipl. Marketingexpertin mit Spezialisierung im Gesundheitsbereich. Begleitet und berät seit 10 Jahren Ärzte und Teams im Gesundheitsbereich bei Kommunikations-, Organisations- und Teamentwicklung, hält Seminare und Vorträge
PES - Petra Eibl-Schober - Tel:0699/17200520 |
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